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Anmerkung 28. März 2006 (2): Nachdem ich am Freitag "Das Leben der anderen" im Kino gesehen und danach einige Stunden benötigt hatte, um mich wieder zu fassen, merke ich, dass es mich doch nicht loslässt. Deshalb hier - unzensiert - das Gekritzel, das ich nach dem Film am Freitag heulend in der "Schauburg" aufs Papier geworfen habe.



(24. 03. 2006, eigentlich handschriftliche, unsortierte Notizen unmittelbar nach dem Film)

Solche Filme sollte ich mir nicht angucken. Es bricht alles wieder auf. All die Verletzungen. Ich sitze hier und heule und weiß nicht mal warum. Nebenan erklärt ein älterer Herr anderen den Film, vielleicht wertet er aus, ob es so gewesen sein könnte, ob es so war, wie er es erlebt hat, ob die Details stimmen.

Ich kann diesen Film nicht gedanklich erfassen. Nur emotional. Es geht nicht darum, ob es bei der Stasi auch gute Menschen gab. Natürlich gab es sie. Aber der gute Mensch hat bis zuletzt Briefe geöffnet. Ja, um dann Briefträger zu werden. Ich habe Angst, dass jetzt wieder die Leute kommen und sagen: Der Einzelne konnte ja doch nichts machen, und jeder hatte so seine Zwänge. Die Schauspielerin, die doch nur Schauspielerin sein wollte.

Ja, ich weiß, es ist alles viel komplizierter. Ist es verzeihlich, dass sie IM wurde (wenn auch nur für einen Augenblick)? Was wäre, wenn der Autor sie nicht gnädigerweise unter das Auto laufen gelassen hätte? Wäre sie jetzt Bürgermeisterkandidatin? Und was, wenn ich das nicht als Schriftsteller in einem Buch verarbeiten kann? Wer sind all die namenlosen Opfer? Und ist es nicht ein, ach ich weiß nicht was, aber dass von all den Millionen Arbeitslosen ausgerechnet der ehemalige Stasi-Hauptmann in seiner Hartz-4-Schäbigkeit gezeigt wird, so dass am Schluss das Bild bleibt: Ungerecht. Er hätte auch ein Recht auf was Besseres. Klar. Ja doch. Aber auch der ehemalige Operative Vorgang. Vielleicht der, der auch nicht aalglatt durch die Systeme geschlüpft ist. Der verzweifelt auch die Abhörmaßnahmen A und B in seiner Akte liest und sich den Rest seines Lebens fragt, was die alles mitgehört haben. Ja nicht nur die Gespräche über Sputnik und Gorbatschow, sondern auch die einsamen Stunden, die intimen, aber auch die peinlichen Momente, deren es genug gab. Die dann vielleicht ein gnädiger Abhör-Scherge unter den Tisch fallen ließ. Soll ich ihm deshalb dankbar sein?! Ist er jetzt gleich ein Held, wird er zum Widerstandskämpfer dadurch, weil er nicht das letzte Detail verraten hat?

Ach, ich weiß nicht. Ich will ja auch nicht Opfer sein, ich war weder in Hohenschönhausen noch im Gelben Elend. Mit mir war man gnädig: Keine 40-Stunden-Verhöre. Nur die Überwachung. Die Hausdurchsuchungen. Die Abhörmaßnahmen. Man hat mir nicht wirklich geschadet. Nicht nach meinen Maßstäben. Ich bin gesund geblieben. Ich sitze bloß hier, heule und weiß nicht warum.