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"Ex-Stasi-Offiziere haben kein Unrechtsbewußtsein"

Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, bedrückt über Störungen bei Informations-Veranstaltung


200 Ex-Stasi-Offiziere haben eine Veranstaltung in Hohenschönhausen zur Aufklärung über das Terrorregime massiv gestört. Ingo Rößling sprach mit Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, über den Vorfall.

DIE WELT: Herr Knabe, sind Sie entsetzt?

Hubertus Knabe: Der Aufmarsch von über 200 Stasi-Leuten, darunter zwei Mielke-Stellvertreter, ist auch für mich ein Novum gewesen - obwohl ich in dieser Beziehung schon einiges gewohnt bin. Am meisten bedrückt mich aber die Vorstellung, was deren Haßtiraden bei den anwesenden Opfern ausgelöst haben. Ein ehemaliger Häftling schrieb mir, er habe nach der Veranstaltung am ganzen Leib gezittert.

DIE WELT: Wie beurteilen Sie die Versuche der Stasi-Offiziere, alle Repressalien in der zentralen Stasi-Untersuchungshaftanstalt zu leugnen und die Opfer zu beleidigen?

Knabe: Es gab eine Zeit, da waren sich selbst Stasi-Leute bewußt, daß sie irgendwie Unrecht getan haben. Vereinzelt kamen sie sogar in die Gedenkstätte, um über ihre Tätigkeit zu berichten. Das ist inzwischen völlig vorbei. Eine Gruppe hochrangiger Offiziere organisiert einen systematischen Geschichtsrevisionismus, wie wir ihn sonst nur von den Neo-Nazis kennen. Jetzt rächt sich, daß in Deutschland mit der Stasi so sanft umgegangen wurde: Die ehemaligen Mitarbeiter haben keinerlei Unrechtsbewußtsein!

DIE WELT: Wie konnte es passieren, daß die Veranstaltung des Linkspartei.PDS-dominierten Bezirksamtes Lichtenberg und der Senatskulturverwaltung zu einem stabsmäßig organisierten Aufmarsch alter Stasi-Kader wurde?

Knabe: Ich habe den Veranstaltern im Vorfeld gesagt, daß sie damit rechnen müßten, wenn sie das Thema so angehen. Inzwischen frage ich mich allerdings auch, nach welchem Verteiler hier überhaupt eingeladen wurde. Ehemalige Häftlinge haben offenbar erst gar keine Einladung bekommen. Die Gedenkstätte war nur Gast und kein Mitveranstalter.

DIE WELT: Sind Vorwürfe ehemaliger Häftlinge berechtigt, daß Kultursenator Thomas Flierl und Bezirkspolitiker der Linkspartei.PDS den Stasi-Tiraden nicht ins Wort fielen?

Knabe: Meiner Meinung nach wäre eine Klarstellung hier tatsächlich angebracht gewesen. Unabhängig von allen politischen Meinungsverschiedenheiten gebietet das der Respekt gegenüber den Opfern. Wenn der ehemalige Gefängnischef seine Haftanstalt als eine Art Erholungsstätte darstellt, ist das ein Skandal, den man nicht unkommentiert lassen kann.

DIE WELT: Teilen Sie Meinungen von Bürgern aus Hohenschönhausen und Lichtenberg, daß die Linkspartei.PDS quasi mit einer Wahlveranstaltung um ihre Klientel geworben habe?

Knabe: Möglicherweise ist die Aufstellung der Informationstafeln in Hohenschönhausen tatsächlich bereits in den Vorwahlkampf geraten. Der Sache tut das nicht gut. Einer der Stasi-Leute hat offen erklärt, daß er "links" gewählt hätte und deshalb erwarte, daß der Bezirk das Vorhaben ablehne.

DIE WELT: Was muß auch im Umfeld der Gedenkstätte Hohenschönhausen getan werden, um gerade die Jugend noch besser über die Verbrechen während der SED-Diktatur aufzuklären?

Knabe: Viele jugendliche Besucher fragen uns, was die Leute in der Umgebung zu dem Gefängnis gesagt hätten - und wissen gar nicht, daß dort niemand wohnte. Mit Informationstafeln möchten wir die Menschen schon auf dem Weg darüber aufklären, daß der Staatssicherheitsdienst in Hohenschönhausen ein ganzes Stadtgebiet okkupiert hatte.


Artikel erschienen am Fr, 17. März 2006

(Quelle: Welt am Sonntag)