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Anfang Januar 2006 erhielt ich eine Mail "von der anderen Seite", auf die ich auch antwortete. Dabei blieb es dann auch - dem anderen war wohl an einer wirklichen Auseinandersetzung nicht gelegen. Hier der Briefwechsel.

 

"Sehr geehrter Herr Warschau,

Google, Dresden, Gaststätte, Neustadt und schon ist man in einem Abhörprotokoll. Das zum technischen Aspekt, der andere ist erfreulicher, aber das dauert jetzt etwas.



Sie sind in der komfortablen Lage, Ihre Akte einsehen zu können. Ich kann das nicht. Ich bin auch ansonsten ein eher nicht öffentlich Austragender, was die Konflikte angeht, die Sie beschreiben.

Die Kurzfassung lautet, eigentlich hätten wir uns sehr wohl begegnen können. Jahrgang 63, 3 Jahre Armee und viele gemeinsame Aufenthaltsorte.

Das mit der fehlenden Öffentlichkeit rührt daher, dass ich auf der anderen Seite gestanden habe, zumindest wird mir das heute immer wieder klar gemacht, und zwar nur aus einem einzigen Grund. Warst Du dabei oder warst Du nicht dabei? Also...



Berufsverbot, die lächerliche Information, dass über mich keine Akten existieren, und wenn man noch dazu Lehrer geworden ist: Seit 15 Jahren darf mich jeder fragen, warum ich nicht mehr in dem Beruf arbeite. Dann kommt noch: Ja ,ja. Das wars. Das ist meine Nachwendebilanz.

Die habe ich ohne parteiliche Hilfe überstanden und komme im Laufe der Jahre immer mehr zu dem Schluss, dass der Umgang der meisten politischen Parteien in Deutschland mit diesem Problem an Hinterfötzigkeit nicht mehr zu überbieten ist.

Es spielt überhaupt keine Rolle, was jemand an welcher Stelle für Taten begangen hat.

Es spielt überhaupt keine Rolle, dass die Unterlagen, die Sie lesen durften einen Großteil Material enthalten, das nicht auf IM's zurückgeht sondern von öffentlichen, staatlichen Stellen verfasst worden ist.

Es spielt auch keine Rolle, in welchen Situationen IM-Anwerbung stattgefunden hat, welche Art von Freiwilligkeit, welche Art von Information (rechtlicher Status, Gewerkschaft der IM's :-o, u.a.) den potenziellen Informanden bei Unterschriftlegung vorlagen.

Am wenigsten spielt eine Rolle, was man getan hat,... Wenn man dabei war!

Die öffentliche Auseinandersetzung in unseren so "vielfältig" darstellenden Medien treibt mich zu einem Vergleich, den ich nur die Systematik betreffend wage. Das Thema "Stasi-IM" wird in der Gesellschaft in denselben Status gesetzt, wie die öffentliche Darstellung jüdischen Lebens zu Beginn des Holocausts.

Wenn sich jetzt bei Ihnen Protest regt, soll so sein, ich habe mich in viele Dinge auch nicht hineinversetzen können, aber ich erlebe die Geschichte jetzt als Verlierer und war auch vorher schon nicht auf der Gewinnerseite.

Sie erwähnen auf Ihrer Webseite, dass Sie nie der Staatsfeind waren, für den Sie gehalten wurden, so dass der Stasistempel Ihr Leben verändert hat. Ich verstehe das.

Ich kann im Gegenzug erklären, dass ich meine Aufgabe "als IM" nicht darin gesehen habe, den Herren Zuarbeiten zu liefern, was Personen angeht, sondern was falsch laufende gesellschaftliche Prozesse angeht.

Ich habe mich um Ausgleich bemüht, habe mich in den "Anhörungen" zum Thema 1991 kooperativ verhalten, meinen Stempel bekommen und noch heute darf das Regionalschulamt Dresden Personalinformationen über mich an Privatfirmen weiterreichen, weil ich eben so einer bin.

Ich habe meinen "Opfern" Gespräche angeboten und im Rahmen dieser erkannt, dass das Unverständnis meist die Leute betrifft, die gar nicht betroffen sind. Meine richtigen Freunde sind auch solche geblieben.

Soviel vielleicht zu meiner Person und wo ich in ungefähr auf diesem Schachbrett stehe.

Nun zum Thema im eigentlichen, ich möchte Sie einfach beglückwünschen zu dieser Art öffentlicher Auseinandersetzung, ich habe beim Lesen versucht, mich neben Sie zu setzen und ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Ihnen zumute war. Die Lektüre meinerseits war ebenfalls emotional anstrengend, weil ich oft das Motiv hinter der Information kenne. Auf alle Fälle denke ich, dass das eine Art ist, mit Schmerz über diese Fremdbestimmung um zu gehen.

Deshalb hier einfach mein Angebot, falls Sie an einem Diskurs mit einem (was Sie und mich persönlich betrifft) Neutrum interessiert sind, ich bin dazu bereit.

1. These: politisch nicht programm diskutierend nehme ich zur Kenntnis, dass die PDS in ihrem Grundverständnis mit dem Thema als einzige Partei offensiv umgeht, das erscheint mir anstrengend, unpopulär, aber weder feige, noch bequem.

2. These: das IM-Thema wird zum "Diffusieren", Dämonisieren" und"Zentrieren" des Blicks auf DDR-Vergangenheit von allen Meinungsbildenden, leider mit wenigen Ausnahmen Wessi's (immer noch) mehr oder weniger bewusst benutzt, um jede Systemkritik wieder zurückzuschlagen. "Selbst das SV-Buch war ja nur ein Mittel der Stasi."

Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen und wünsche Ihnen weiterhin Erfolg bei Ihrem Engagement

TB, 5. Januar 2006 "

"Hallo Herr B.,
ich habe im Moment leider nicht die Zeit, mich ausführlich zu Ihrem interessanten Brief äußern zu können. Ein paar Anmerkungen möchte ich dennoch in aller Kürze machen.

1. Meine Biografie nach der Wende ist auch nicht grade auf Rosen gebettet gewesen - ich halte eh nichts von der Einteilung Wendegewinner - Wendeverlierer. Und schon gar nicht hat mir meine Parteimitgliedschaft (seit 1994) geholfen. Eher geschadet, da ich einer Partei angehöre, die nach wie vor nicht den gesellschaftlichen Mainstream vertritt. Die Auswirkungen erinnern da manchmal an das, was ich vor 1989 erlebt hatte. Ich möchte nicht von Berufsverbot sprechen. Mir ist die Tatsache, dass ich morgens noch in den Spiegel schauen kann, eh wichtiger...

2. Von einigen mir persönlich Bekannten kenne ich die Geschichte der Anwerbung. Und ich weiß nunmehr auch, dass die staatlichen Stellen auf die "ehrenamtliche" Hilfe auch angewiesen waren. Die Gründe, sich als IM zur Verfügung zu stellen, sind sicherlich unterschiedlicher Natur. Bestimmte Dinge waren mir jedenfalls spätestens mit 16 klar (vielleicht haben Sie ja gelesen, dass meine erste Erfassung stattfand, als ich noch 13 war - das finde ich nach wie vor perfide). Ich glaube nicht, dass man sich auf Ahnungslosigkeit berufen kann. Und es hat immer die Möglichkeit gegeben, Nein zu sagen, so wie es heute immer die Möglichkeit gibt, Nein zu sagen. Die jeweilige Entscheidung möge jeder zunächst mit sich selbst ausmachen und dann aber auch so mutig sein, sie vor anderen zu vertreten. (Insofern empfand ich das, was Sie schrieben, als wichtig.)

3. Der Vergleich "Stasi-IM" - Holocaust ist eine dieser unsäglichen Geschichtsklitterungen, die ich zutiefst verabscheue. Aber wenn Sie so wollen: Es ist das Wegschauen, das "Ich-konnte-ja-nicht-anders" oder "Ich-konnte-doch-nicht-wissen", das in jeglichen gesellschaftlichen Systemen Leid und Unrecht verursacht, und natürlich sind immer die anderen Schuld und man selber war ja bloß so ein kleines Rad im Getriebe. Nur dass dabei vergessen wird, dass das Getriebe nur mit diesen vielen kleinen Rädchen am Laufen gehalten wird.

4. Ihre Aussage zum Regionalschulamt finde ich interessant, es würde mich interessieren, welche Art Informationen das RSA weiterreicht.

5. Ich erlebe bezüglich Ihrer ersten These eher genau das Gegenteil in den meisten Fällen. Die meisten IMs bestreiten so lange, wie es überhaupt geht, überhaupt einer zu sein und geben nur so viel zu, wie sowieso schon bekannt ist. Das betrifft auch und vor allem mir bekannte PDS-Mitglieder. Auch Herrn Porsch übrigens.

6. Auch ihre zweite These ist so nicht haltbar. Das IM-Thema findet in dieser Dimension nach meiner Wahrnehmung nur noch am Rande statt. Fast möchte ich sagen, das Gegenteil ist der Fall: eine gewisse Vermiedlichung der DDR, mit dem Abstand der 15 Jahre vergisst man doch gern die schlimmen Seiten, und übrig bleiben Puhdys, Karat, das Ampelmännchen und wie schön kuschelig es doch war. Dennoch: So langsam beginnt sich ja auch die Erkenntnis durchzusetzen, dass das Erleben zweier Systeme und der Veränderbarkeit des einen durchaus auch ein Vorteil gegenüber der Saturiertheit westlichen Lebensstils sein kann. Ich beobachte durchaus Anzeichen der Botschaft: "Ossis sind flexibel, veränderungswillig, pragmatisch, von mir aus auch anspruchsloser, die Veränderungen und Umbrüche im Osten nehmen jene im Westen vorweg". Und rein praktisch wird die ein oder andere Struktur der DDR (wohl schamhaft unter neuem Namen) auch wieder ausgegraben. Letztendlich wird bei allen gesellschaftlichen Veränderungen geprüft, verworfen, wieder geprüft, es spielen Dinge wie Macht, Lobbys, Interessenlagen eine Rolle, und das alles macht es schwierig und kompliziert. Es hat ja keiner den Stein der Weisen gefunden, und wenn einer genau das glaubt, gibt es jemanden, der widerspricht. Und zum Glück auch widersprechen darf, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.

Zum Schluss: Es gibt das Prinzip der "Oral History" , der erlebten und erzählten Geschichte als Gegenprinzip zur offiziellen Geschichtsschreibung. Es gibt nicht die "wahre" Geschichte, sondern nur eine Unzahl von erlebten Geschichten. Geschichte bzw. Gesellschaft ist nicht etwas, was über uns kommt, sondern wir sind es selbst. (Oder um es mit den Worten der Werbung zu sagen: "Du bist Deutschland!" ;-) )

Ich empfehle Ihnen das Büchlein "Grabe wo du stehst" von Sven Lindquist. Ich hatte es im Studium kennengelernt, und ich hoffe, dass die paar Dokumente, auf die Sie gestoßen sind, vielleicht auch ein kleiner Beitrag zu diesem Prinzip sind. Wie auch dieser Briefwechsel, sofern er nicht in den Weiten des virtuellen Universums verschollen geht...

In diesem Sinne vielen Dank für Ihre offenen Worte.

Andreas Warschau, 13. Januar 2006 "