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Ich denke nicht nur bei Arnold Vaatz über den gern gebrauchten Begriff des"DDR-Bürgerrechtlers" nach. Bei Licht betrachtet waren seine diesbezüglichen Aktivitäten doch sehr begrenzt:

ausweislich seiner Selbstdarstellung hat er als 21jahriger eine öffentliche Lesung von Reiner Kunze mitorganisiert und war danach 5 Jahre operativer Vorgang bei der Stasi. Dass er in dieser Zeit bürgerrechtliche Aktivitäten entfaltet hat, ist eher nicht bekannt. Er war wohl eher der ängstliche Typ, hatte (verständliche) Angst vor Exmatrikulation und um seine Familie. Aus Angst, bei einer möglichen Intervention in Polen als Soldat eingesetzt zu werden, verweigerte er 1982 den Reservistendienst in der NVA und kam dafür ein halbes Jahr in Haft. Ich glaube, der damit verbundene Zwangsdienst mit schwerer körperlicher Arbeit hat ihm als typischen Intellektuellen psychisch schwer zugesetzt. Dann trat er erst wieder im Oktober 89 in der Gruppe der 20 in Dresden in Erscheinung, lernte da die "richtigen Leute" kennen und setzte relativ zügig (nach einem kurzen Intermezzo beim Neuen Forum als Sprungbrett) auf die Kohl-Späth-Biedenkopf-CDU. Da die genannten eher keine führenden Köpfe aus der alten Ost-CDU gebrauchen konnten, kam der junge unverbrauchte Vaatz gerade recht, zeigte sich jedoch schon als Umweltminister in Sachsen überfordert. Ich kenne einige Leute, denen ich hundertmal mehr das Prädikat "DDR-Bürgerrechtler" zugestehen würde. Die meisten von ihnen sind bzw. waren übrigens Weggefährten bei Bündnis 90/Die Grünen. Arnold Vaatz bleibt eine tragische Figur, der sich zu früh mit der Macht eingelassen hat, inhaltlich seitdem nicht weiterentwickelte und, glaube ich, unter enormen Minderwertigkeitskomplexen leidet. Seine einzige Erzählung des Freiheitskämpfers in der DDR trägt nicht weit, aber da er nichts anderes hat, muss er sich zur Selbstlegitimation (auch als Fraktionsvize) immer wieder und lauter einzig darauf berufen.

(Leserbrief an die "Sächsische Zeitung", 8. August 2020, unveröffentlicht)