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Die Sächsische Zeitung veröffentlichte am 31. 12. 2016 auf der Leserbriefseite 5 eine Zeichnung, die "Karikatur" zu nennen mir widerstrebt. Ich möchte hier auch nicht zur Weiterverbreitung der Zeichnung beitragen, indem ich sie direkt verlinke. Wer sie sich noch einmal anschauen mag, findet im Beitrag der taz vom 03. Januar 2017 "Sächsische Großzügigkeit. Zeitung druckt rassistische Karikatur" die entsprechende Abbildung.

Nach etwas Bedenkzeit - ich gehöre nicht zu denen, die immer alles gleich per Twitter oder Facebook kommentieren, nur um auch etwas zu sagen - habe ich mich jetzt doch entschlossen, einen Brief an den Chefredakteur der Sächsischen Zeitung Uwe Vetterick zu schicken, den ich hier dokumentiere:

Sehr geehrter Herr Vetterick,

ich lese die „Sächsische Zeitung“, seit ich überhaupt lesen kann, d. h. In meinem Fall seit etwa 1970. In meiner Familie war die „SZ“ immer abonniert, und bis auf wenige Unterbrechungen (vornehmlich, weil es Zeiten gab, in dem der Zustellservice nicht in der Lage war, mir die Zeitung rechtzeitig vor dem Weg zur Arbeit auszuliefern), war ich auch selbst Abonnent. Zuletzt hatte ich mich aufs Digitalabo verlegt. An Wochenenden leisten wir uns zusätzlich die gedruckte Ausgabe, weil wir es nach wie vor schätzen, am Frühstückstisch in Ruhe eine gedruckte Zeitung zu lesen. So auch am Silvesterwochenende, auf das ich nachher noch zurückkommen werde.

Meine Beziehung zur „Sächsischen Zeitung“ ist auch eine sehr persönliche. In der 8. Klasse kristallisierte sich bei mir der Berufswunsch Journalist heraus. 1978 begann ich, in Dippoldiswalde für die Jugendredaktion der „Sächsischen Zeitung“ Artikel zu schreiben; im Rahmen der damaligen Möglichkeiten auch solche, die sich kritisch mit den Verhältnissen auseinandersetzten. Ich war sehr glücklich, als ich 1982 in Vorbereitung eines Journalistikstudiums ein Volontariat in der Kulturredaktion der Sächsischen Zeitung absolvieren konnte. Ich wurde damals u. a. betreut vom späteren Leserbrief-Redakteur Peter Kost und der noch heute von mir sehr geschätzten Karin Großmann. Beide unterstützten mich auch dann noch, als ich manchen in der damaligen Chefredaktion für DDR-Verhältnisse zu kritisch war und mich auch nicht überzeugen ließ, in die SED einzutreten. Die „Sächsische Zeitung“ delegierte mich, so war das damals üblich, zum Journalistik-Studium an die Karl-Marx-Universität in Leipzig. Dann kamen drei Jahre Nationale Volksarmee, an deren Ende ich zunächst im September 1985 in der Sektion Journalistik in Leipzig immatrikuliert wurde. Ich habe damals leider nie einen Hörsaal von innen gesehen, da kurz darauf ein Schreiben von der NVA an der Universität einging, in dem eingeschätzt wurde, dass ich „nicht würdig“ sei, an einer sozialistischen Universität zu studieren. Ich wurde exmatrikuliert, und mir wurde die Möglichkeit gegeben, mich „in der Produktion zu bewähren.“ Mein Lebensweg hat sich – auf manchmal verschlungenen Wegen – seitdem aus meiner Sicht positiv entwickelt. Ich war ungelernter Arbeiter, machte meinen Facharbeiter, suchte meine Nischen in der DDR, begann nach der Wende in einem Kindergarten zu arbeiten, durfte in den 90er Jahren dann doch noch studieren, war u. a. Geschäftsführer vom Deutschen Kinderschutzbund in Dresden, Leiter eines Jugendheimes, arbeitslos, selbständig, parlamentarischer Berater im Landtag. Heute arbeite ich als Leiter einer Dresdner Kindertagesstätte. Mir ist es wichtig, dass sich die Kinder zu selbständigen, selbstbewussten, kritischen und weltoffenen Menschen entwickeln.

 

Der „Sächsischen Zeitung“ hielt ich über die Jahre die Treue, finde hier und da auch mal was richtig blöd, stelle gelegentliche handwerkliche Fehler fest, die mir als Volontär niemand hätte durchgehen lassen, schätze die lokale Kompetenz und die Arbeiten u. a. von Karin Großmann und Oliver Reinhardt. In der Vergangenheit habe ich auch gelegentlich Leserbriefe geschrieben – in den letzten beiden Jahren nicht mehr, weil ich mich – offen gesagt – nicht gern inmitten des derzeitigen „Besorgte-Bürger“-Mainstreams der Leserbriefschreiber wiederfinden möchte.

 

Als langjähriger Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge, Kreisrat und auch als Mitinitiator der Bürgerinitiative „Lebenswertes Erzgebirge“ gegen den damaligen Schwerlasttransport auf der B 170 hatte ich oft Kontakt zu guten Journalisten, die eine engagierte und unabhängige Arbeit leisteten und sich nicht einer bestimmten Leserschaft anbiederten. Fast immer in Opposition zu der jeweiligen Mehrheit, ob auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene, war sachliche und konstruktive Kritik immer Maßstab meines Handelns. Ich litt oft unter der stupiden Selbstgefälligkeit scheinbar zementierter Mehrheiten, ob sie nun illegitim durch die verfassungsmäßig festgeschriebene Führungsrolle der SED in der DDR oder legitim durch Wahlen hergestellt wurden, wie in Sachsen seit der Wende. In einem offenen, demokratischen System habe ich gelernt, das auszuhalten und mit demokratischen Mitteln an der Änderung der Verhältnisse mitzuwirken. Dabei ließ ich mich trotzdem vom Respekt vor dem Andersdenkenden als auch vom unbedingten Bekenntnis zu Demokratie, Grundgesetz und vor allem Achtung der Menschenwürde leiten.

 

Zugegeben, das ist eine etwas ausführliche Vorgeschichte zum Silvestertag 2016. Aber vielleicht erklärt sie meine besondere Enttäuschung, auf die ich nun zu sprechen komme. Als meine Partnerin und ich an diesem Sonnabend die Zeitung aufschlugen, waren wir beide gleichermaßen entsetzt über die Abbildung auf der Leserbriefseite, die „Karikatur“ zu nennen mir widerstrebt. Die Zeichnung bildet eben nicht ein übertriebenes, überzeichnetes, verzerrtes oder überspitztes Abbild der Wirklichkeit ab, wie es eine Karikatur zu recht tun könnte. Sie hat mit der Wirklichkeit praktisch nichts zu tun. Es gibt auch keine kritische Distanz oder irgendein ironisches Element, die Zeichnung ist genauso gemeint wie sie gezeichnet ist.

 

Eigentlich gehört es zu unseren Gepflogenheiten am Frühstückstisch, unseren sechsjährigen Sohn mit in die Zeitung blicken zu lassen. Wir denken, dass wir ihn auch mit unangenehmen Seiten unserer Wirklichkeit, entsprechend seines Alters und Entwicklungsstandes, konfrontieren und gelegentlich über Dinge diskutieren können, die in der Zeitung stehen. An diesem Tag mussten wir die Zeitung vor ihm verbergen, nicht nur, weil wir erst vor kurzem gemeinsam das Berliner Reichstagsgebäude besucht hatten und nicht wussten, wie wir ihm erklären sollten, dass in unserer Tageszeitung (nicht in einer erfundenen Geschichte) die Kuppel des Reichstags als zerstört dargestellt wird. Wir empfinden die Zeichnung insgesamt als hetzerisch, diffamierend, teilweise rassistisch und verlogen. Vor allem erzeugt die Zeichnung sinnlose Angst und folgt der paranoiden Wahnvorstellung, dass wir in einer dystopischen, von Gewalt geprägten Gesellschaft leben, dass daran vor allem Muslime schuld sind und die Kanzlerin diesem Phänomen völlig lebensfremd gegenübersteht.

 

Ich bin der Überzeugung, dass dieses Machwerk durchaus vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist. Ich bin froh, in einem Land leben zu dürfen, in dem dieses Recht zum Grundbestandteil des Zusammenlebens gehört. Ich frage mich allerdings, ob es noch „meine“ Zeitung ist, die solche Schmähzeichnungen abdruckt. Ich würde es vielleicht auf sich beruhen lassen, , wenn ich in der Folge ein paar selbstkritische oder wenigstens nachdenkliche Zeilen aus den Reihen der Redaktion dazu gelesen hätte. Stattdessen lese ich (in der taz vom 03.01.), dass die Redaktion angeblich kein Problem damit hätte, und es habe ja auch keine kritischen Reaktionen aus der Leserschaft gegeben. Es mag, wenn es denn so wäre, viel über den Zustand der sächsischen Demokratie aussagen, wenn solche Zeichnungen absolut unwidersprochen bleiben. Aber sei's drum: Nun haben Sie wenigstens eine – meine – kritische Meinung zu der veröffentlichten Zeichnung. Wieder einmal mag ich mich damit in einer absoluten Minderheit wiederfinden. Auch darüber bin ich froh: in einer Gesellschaft leben zu dürfen, in der ich trotzdem ohne Angst leben, meinem Beruf nachgeben und meine Kinder groß ziehen kann.

 

Meine Beziehung zur „Sächsischen Zeitung“ ist allerdings in einer tiefen Krise. Aus Angst vor dem „Lügenpresse“-Verdikt den dumpfen Ressentiments einiger „besorgter Bürger“ Nahrung zu geben ist nicht das, was ich von einer seriösen Tageszeitung erwarte. Mein Vertrauen in die Fähigkeit der Redaktion, mit journalistischen Mitteln überzeugend die Demokratie zu verfechten, hat einen tiefen Riss bekommen. Noch überlege ich, ob die Trennung in Form der Kündigung des Abonnements der einzig verbleibende Schritt ist. Auf eine „Sächsische Zeitung“, die Pegida nach dem Munde redet (bzw. zeichnet), kann ich jedenfalls verzichten.

 

Andreas Warschau

 

PS: Als Leserbrief ist das nun doch etwas zu lang geraten – aber vielleicht bringen Sie den Text ja auf der Perspektiven-Seite :-)